1905 Kronprinzessin Louise v. Österreich-Toskana mit Tochter, Königl. Schloss Dresden, Königl. Villa Wachwitz, Eine Mutter Notschrei! Zum reinsten Glücke schien ich einst geboren, Begünstigt von des Himmels reichster Gnade. Zum höchsten Glanze schien ich auserkoren Und Blumen schmückten meiner Kindheit Pfade. Ich stand so hoch, wie nur ein Mensch kann stehen. Dem Throne nah und seiner stolzen Pracht. Zu mir drang hoffend eines Volkes Flehen. Daß es beglücke meiner Herrschermacht. All' diesen Glanz, all' diese reichen Ehren. Ich warf sie hin mit einer Krone Schein, Als man voll Heuchelei mir wollte wehren. Mit warmen Sinnen Mensch und Weib zu sein. Sie haben alles, alles mir genommen. All' jenen Flitter, der mich einst geschmückt, Mir war das Herz so weh und so beklommen - Da hat der Himmel dich, mein Kind, geschickt. Du warst mein Trost in sorgenschweren Stunden. Mein einzig Glück in meiner Einsamkeit, Indeinem Lachen hab' ich Trost gefunden. Zu tragen all' das bittre, herbe Leid. Nun wollen sie auch dich, mein Kind, mir rauben. Dann hab' ich nichts mehr, gar nichts auf der Welt. Und doch, ich will und mag es nimmer glauben. Daß solches Denken Menschenherzen schwellt. Ich will es laut in alle Lande schreien: Hör' du mich an, in dessen Hand mein Los! Laß nicht so roh das Menschentum entweihen! Reiß nicht das Kind aus seiner Mutter Schoß! (Dresdner Rundschau), Dresdener Kunstverlag Gustav Schmidt, Dresden A 27 Nachdruck verboten 1907 Gesetzl. geschütz